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Im Vorstellungsgespräch selbstbewusst auftreten

Aktualisiert am

Sarah saß vor mir und war total verzweifelt. Sie brach immer wieder in Tränen aus. Ihr Selbstwertgefühl lag am Boden. Sie war schon zu mehreren Vorstellungsgesprächen eingeladen worden, aber dann kam immer die Absage. An ihren Unterlagen oder ihrem Abschluss konnte es nicht liegen. Einladungen zum Vorstellungsgespräch hatte sie ja, einige sogar. Sie ist jung, sehr gut ausgebildet und voller Elan. Eigentlich alles, was es braucht, um schnell einen Job zu finden. Aber jedes Mal bekam sie wieder eine Absage. Ich fragte sie, wie sie sich selbst in den Gesprächen erleben würde. Ihr liefen die Tränen über das Gesicht:

Im Vorstellungsgespräch bin ich überhaupt nicht ich selbst.

So wie dieser jungen Frau geht es vielen meiner Klienten. Sie gehen schon mit Angst und negativen Gedanken ins Vorstellungsgespräch und bleiben dort weit unter ihren Möglichkeiten. Sie können sich nicht überzeugend darstellen. Am Ende steht die Absage. Die Folge: Das Selbstbewusstsein sinkt und es wird immer schwerer, in Vorstellungsgesprächen zu überzeugen. Eine Abwärts-Spirale.

In diesem Artikel will ich dieser Frage nachgehen:

Woran liegt es, dass erfahrene und gut ausgebildete Menschen im Vorstellungsgespräch versagen?

Häufig denke ich beim Blick in den Lebenslauf (CV): Wo ist das Problem? Der Bewerber müsste eigentlich auf dem Arbeitsmarkt weggehen wie geschnitten Brot. Im Coaching stellt sich dann meist heraus, dass die meisten Bewerber sich selbst im Weg stehen. Oder besser gesagt, ihr innerer Kritiker. Das ist diese innere Stimme, die einem beispielsweise einflüstert:

  • Oh Gott, was redest du denn da?
  • Das macht man nicht!
  • Was hast du denn schon zu bieten?
  • Andere können viel mehr als du!
  • Das wird sowieso nichts!

Setz deinem inneren Kritiker klare Grenzen, damit du nicht in die Abwärts-Spirale gerätst – weder im Alltag, noch in der Bewerbungsphase!

Mit sieben einfachen Schritten kannst du deinen inneren Kritiker leiser und immer leiser werden lassen. Im Vorstellungsgespräch ist es wichtig, dass du dein Bestes geben kannst. Hier musst du deine Kompetenzen, dein Know-how und deine Erfahrungen gut darstellen können– nicht übertrieben, sondern realistisch. Es geht ja nicht darum, den „Superhero“ zu spielen, sondern zu zeigen, wer du bist. Nicht mehr und nicht weniger. Aber wer kann schon sein Bestes geben, wenn ständig auf ihm herumgehackt wird?

7 Schritte, wie du deinem inneren Kritiker im Vorstellungsgespräch den Wind aus den Segeln nimmst

1) Den eigenen inneren Kritiker aufspüren

Der erste Schritt ist, aufmerksam zu werden für den eigenen inneren Kritiker. Das geht am besten, wenn du dir erst einmal Zeit nimmst für eine Reflexion.

Wie war das in deinem letzten Vorstellungsgespräch? Hattest du da deine Erfolge vor Augen oder fielen dir eher deine Fehler und Misserfolge ein? Warst du fürsorglich mit dir selbst oder hast du dich innerlich eher fertiggemacht? Lass mich raten: da war eher eine kritische Stimme.

Meist ist uns diese Stimme gar nicht bewusst. Aber das kannst du lernen. Wenn das beim ersten Mal nicht klappt, dann versuche es nochmal. Wir sind es ja nicht gewohnt, unsere inneren Stimmen bewusst wahrzunehmen. Mit der Zeit wirst du aufmerksamer für deine inneren Stimmen, wenn du das ein bisschen übst. Wichtig: In diesem Schritt geht es noch nicht darum, den inneren Kritiker zu verändern oder gar auszuschalten, es geht darum, zu beobachten und zwar ohne Bewertung!

2) Verstehen, woher der innere Kritiker kommt und was passiert, wenn er spricht!

Um den inneren Kritiker zu verändern, müssen wir ihn erst einmal zu verstehen. Wo kommt diese Stimme überhaupt her? Woher nimmt er diese Kommentare wie:

  • Eigenlob stinkt!
  • Nimm dich nicht so wichtig!
  • Rede nicht so einen Unsinn!
  • Gib nicht so an!

All das haben wir schon mal in unserer Kindheit gehört. Als wir klein waren, mussten wir viel lernen und unsere Eltern haben uns gesagt, was wir dürfen und was nicht. Sie haben mit uns geschimpft, wenn wir etwas falsch gemacht haben. Das haben unsere Eltern in guter Absicht getan.

Wir haben das als Kind jedoch als Ablehnung und Kritik an uns erlebt. Mit der Zeit haben wir verinnerlicht, mit uns stimme etwas nicht. Um von unseren Eltern nicht abgelehnt zu werden, haben wir unseren eigenen inneren Kritiker entwickelt. Der hat die Sätze, Drohungen, Kritik und Tadel unserer Eltern abgespeichert. Er hat uns gesagt, was richtig und was falsch ist, was wir dürfen und was nicht. Seine Funktion war einmal, uns vor Fehlern zu schützen. Eigentlich eine gute Einrichtung, oder?

Aber wenn man nicht aufpasst, dann entwickelt sich so ein innerer Kritiker zum Diktator und Tyrannen, dem man es nie recht machen kann. Er findet immer noch etwas. Er sagt dir ständig, was du falsch machst. Im Vorstellungsgespräch sagst du dir dann vielleicht:

„Gib nicht so an mit dem Projekt. Das macht man nicht. Und so toll war es nun auch wieder nicht.“

Und schon ist es passiert: Der Fokus ist weg. Der Zugriff auf das, was du gut kannst, wird schwieriger. Vielleicht sogar unmöglich – je nachdem, wie stark dein innerer Kritiker ist.

3) Sprich mit deinem inneren Kritiker!

Frage deinen inneren Kritiker, was seine Sorge ist und vor was er dich bewahren will? Es ist schwer zu glauben, aber er hat eine positive Absicht. Er ist aber kommunikativ nicht gut geschult. Seine Äußerungen sind nicht hilfreich, vor allem nicht in Situationen, in denen es drauf ankommt. In der Vorbereitungszeit auf die Vorstellungsgespräche sind daher Gespräche mit deinem inneren Kritiker sehr wichtig. Höre aufmerksam in dich hinein. Welche negativen Gedanken kommen dir in Bezug auf das Vorstellungsgespräch über dich selbst?

4) Überzeuge deinen inneren Kritiker!

Was will dein innerer Kritiker eigentlich von dir? Wenn du herausgefunden hast, was die Intention deines inneren Kritikers ist, dann überlege dir, ob du in der Vergangenheit schon mal gezeigt hast, dass du solch einem Problem gewachsen bist. Wenn dein innerer Kritiker beispielsweise sagt: „Das schaffst Du nie!“ dann rufe dir in Erinnerung, welche Situationen du in deinem Leben schon erfolgreich gemeistert hast.

Bleibe so lange im Dialog, bis dein innerer Kritiker beruhigt ist. Vielleicht stellt sich auch heraus, dass dir tatsächlich noch etwas fehlt, um den Job anzutreten, auf den du dich bewerben willst. Dann hast du die Möglichkeit, dir eine Lösung für das Problem zu überlegen.

5) Stoppe den inneren Kritiker im Vorstellungsgespräch!

Sag innerlich deutlich „Stopp! Jetzt nicht!“ wenn du im Vorstellungsgespräch sitzt und dein innerer Kritiker dir dazwischen funkt. Das Vorstellungsgespräch ist nicht der richtige Zeitpunkt für eine Diskussion mit ihm. Um den inneren Kritiker zu beruhigen kannst du ihm ja anbieten: „Ich konzentriere mich jetzt auf das Gespräch und später schauen wir, was ich besser machen kann! Aber jetzt lässt du mich das hier mal alleine machen“.

6) Trenne deine Person von deiner Performance!

Deine Leistung sagt NICHTS über den Wert deiner Person aus! Über deine Leistung kann man unterschiedlicher Meinung sein und diskutieren. Die kann gut oder schlecht sein. Aber dein Selbstwert ist unabhängig von dem, was du leistest.

Dein innerer Kritiker ist nicht so geschult. Der wirft das alles in einen Topf: Dich und deine Leistung. Du hast Vorstellungsgespräch verhauen und er sagt: Du bist so blöd!

Jetzt ist Zeit, deinem inneren Kritiker klarzumachen, dass du solch ein Pauschalurteil nicht gelten lässt. Schau dir in Ruhe nach dem Gespräch an, was gut lief und was du weiterführen möchtest. Dann schaust du dir an, was nicht gut lief und was du anders machen möchtest.

7) Führe ein Tagebuch!

Notiere dir täglich, was dir gelungen ist, was du geschafft hast, welche Fortschritte du gemacht hast, was Gutes passiert ist, wofür die dankbar bist. Gerade, wenn du dein Selbstwertgefühl im Moment etwas angeknackst ist, ist das eine gute Übung. So rufst du dir immer wieder ins Gedächtnis, was du alles kannst, was du weißt, was dich ausmacht.

Wie ich heute mit meinem inneren Kritiker umgehe

Das Problem ist nicht, dass du einen inneren Kritiker hast. Wir alle haben einen. Wichtig ist allein, dass du lernst, mit ihm umzugehen. Meine Erfahrung ist, dass es nichts nützt, ihn zu ignorieren, ihn auszublenden, ihn mit Missachtung zu strafen oder ihn zu beschimpfen. Ich habe vor einigen Jahren meinen Inneren Kritiker entlassen. Gefeuert! Hat nicht funktioniert: Die Durchsagen kamen immer noch. Erst jetzt in den letzten drei, vier Jahren ist er fast verstummt, weil ich mit ihm in den Diskurs gehe, sobald er sich meldet. Ich führe richtige innere Dialoge mit ihm und wir verhandeln. Ich höre mir an, was seine Sorge ist und meist kann ich ihn überzeugen, wenn ich ihm darlege, welche Probleme ich im Laufe meines Lebens schon erfolgreich gelöst habe. Dann lässt er sich überzeugen und gibt Ruhe.

Klarheit statt Selbstzweifel

Sarah, die vor kurzem noch so verzweifelt vor mir saß, hat es auch geschafft. Gemeinsam haben wir eine Strategie erarbeitet, wie sie dem Tyrannen den Wind aus den Segeln nehmen kann. Es hat nicht lange gedauert, da kam die nächste Einladung zum Vorstellungsgespräch. Natürlich hat sich auch dort der innere Kritiker zu Wort gemeldet, aber sie hat es geschafft, ihn für die Zeit zu beruhigen. Ergebnis: Er hat stillgehalten! Und nicht nur das. Sie hat eine Zusage bekommen. Was war anders?

„Ich hatte klar, was ich kann, konnte mich konzentrieren und den Fokus halten. So konnte ich mich überzeugend präsentieren.“

Welche Erfahrungen hast du mit deinem inneren Kritiker gemacht? Schreib mir gleich einen Kommentar oder eine E-Mail. Ich antworte dir garantiert

Herzliche Grüße –Silke Grotegut

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Foto: Anette Hammer, Freistil-Fotografie

Silke Grotegut war 14 Jahre als HR-Expertin in einem DAX-Konzern tätig. Heute arbeitet sie als Karriere-, Bewerbungs- und Laufbahncoach und begleitet Professionals bei ihrer beruflichen Neuorientierung.

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