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Berufliche Neuorientierung: Wie du das Risiko eines beruflichen Neustarts minimierst

Berufliche Neuorientierung: Wie du das Risiko eines beruflichen Neustarts minimierst

Ich habe keinen Bock mehr! Ich mache jetzt etwas ganz anderes.

Vor kurzem war in der FAZ zu lesen, dass 5 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland innerlich gekündigt haben und nur noch Dienst nach Vorschrift machen. Viele würden am liebsten sofort kündigen, haben aber nicht den Mut dazu. 

Unzufriedenheit im Job ist auch der Grund, weswegen die meisten meiner Klienten ins Coaching kommen. Insbesondere in der zweiten Lebenshälfte tritt bei vielen der Wunsch auf, endlich etwas sinnvolles zu machen, einen Job zu haben, der besser zu den eigenen Interessen und Fähigkeiten passt und für ein Unternehmen zu arbeiten, das eher den eigenen Werten entspricht. Manche möchten auch gerne eine Komplettveränderung, nicht nur einfach den gleich Job in einer anderen Firma oder in einer anderen Branche, sondern wirklich etwas ganz anderes machen. 

Ich selbst kenne auch diesen Wunsch, mein bisheriges Berufsleben einfach hinter mir zu lassen und etwas ganz Neues zu machen. Damals als ich nach mehr als 13 Jahren meinen gutbezahlten, sicheren Job im Konzern aufgegeben habe, wollte ich am liebsten Biobauer werden. Als Kind habe ich viel Zeit bei meinen Großeltern auf dem Hof verbracht und Schafe mit der Flasche aufgezogen, Kälber gefüttert, bin mit dem Hund spazieren gegangen, habe die Hühner gefüttert – es war herrlich! Das ist doch jetzt die Chance, endlich das zu machen, was ich schon als Kind machen wollte. 

Nochmal ganz von vorne anfangen

Und damit stehe ich überhaupt nicht alleine da. So wie mir geht es vielen Menschen. Wenn man sich mal entschieden hat zu gehen, weil man die Schnauze voll hat, dann möchte man gerne etwas ganz anderes machen. Banker wollen Heilpraktiker werden, Marketing Fachleute möchten Yogalehrer werden. Das Neue hat einen großen Reiz. Aber eine komplette Neuausrichtung birgt auch Risiken und sollte daher gut überlegt sein. 

Dass ich nicht Biobauer geworden bin, ist offensichtlich, denn sonst sähe diese Seite jetzt komplett anders aus. Wie ich damals überprüft habe, ob meine Zukunftsidee wirklich trägt, und warum ich mich dann dagegen entschieden habe, Biobauer zu werden, darum soll es in diesem Artikel gehen.

Aber was mache ich, wenn das auch nicht passt?

Für mich war damals die Horrorvorstellung, dass ich viel Zeit und Geld investiere, alles auf eine Karte setze und dann feststelle: Das ist es doch nicht! Das habe ich mir doch alles anders vorgestellt. Das wollte ich unter allem Umständen vermeiden.

Um das Risiko zu minimieren, eine falsche berufliche Richtung einzuschlagen, habe ich damals:

  1. Ausführlich im Internet recherchiert
    Das Internet ist eine unerschöpfliche Quelle, um Informationen über das angestrebte Berufsbild zu bekommen. Ohne großen Aufwand und von Zuhause aus habe ich innerhalb kürzester Zeit eine Unmenge an Informationen zusammengetragen, welche Ausbildungsmöglichkeiten es gibt, wie die Berufschancen später aussehen, wie mögliche Beschäftigungsverhältnisse aussehen könnten und was es braucht, um einen eigenen Biohof zu führen.
  2. Interviews mit Biobauern geführt
    Ein guter Freund von uns hat viele Jahre mit seiner Frau einen Demeterhof geleitet. Die habe ich mal einen ganzen Abend lang interviewt. Auf diese Weise habe ich unglaublich viele Informationen bekommen, was das  Schöne an dem Leben als Biobauer ist, aber auch, was die negativen Seiten daran sind, denn die beiden haben sich vor einigen Jahren entschieden, dieses Leben aufzugeben. Sie haben mir viele Fragen gestellt, wie ich mir ein Leben als Biobauer vorstelle und haben aus der einen oder anderen Vorstellung auch die Luft herausgelassen. Aber auch nach diesem zweiten Schritt war ich immer noch der Meinung, dass es genau das ist, was ich machen will.
  3. Ein Praktikum auf einem Biohof gemacht

Um jetzt noch ein besseres Gefühl dafür zu bekommen, ob es wirklich das ist, was ich zukünftig machen möchte, habe ich dann bei einem benachbarten Biohof angefragt, ob ich dort mal für 2-3 Wochen mitarbeiten könnte und die haben sich über Unterstützung sehr gefreut. Das war ein Hof mit angeschlossenem Bioladen, einer Gemüse- und Blumen-Gärtnerei sowie einer Landwirtschaft mit Landbau und kleiner Viehhaltung. Für Vielfältigkeit und Arbeit war also gesorgt. Gleich am ersten Tag hat es wie aus Eimern geschüttet, aber das Unkraut zwischen den Möhren musste halt gezupft werden. Lange Rede kurzer Sinn: bereits nach einer relativ kurzen Zeit habe ich gemerkt, dass ich immer noch unheimlich gerne auf einem Hof arbeite, aber dass ich es nicht beruflich machen möchte. Bereits nach zwei Wochen war mir klar, dass ist mir zu unterkomplex, da werde ich nicht glücklich. Wenn dann hätte ich einen Hof leiten müssen, aber bis dahin hätte ich noch eine mindestens 3-jährige Ausbildung gebraucht und ich war damals ja schon 45 Jahre alt. 

Die Vorgehensweise, die ich damals gewählt habe, nutze ich heute übrigens in ähnlicher Form, auch im Coaching wenn Klienten sich mit der Frage der beruflichen Neuorientierung beschäftigen. Die Internetrecherche übernehmen die Klienten selbst, die Interviews mit Menschen, die schon da sind, wo mein Klient beruflich landen möchte, bereiten wir gemeinsam vor.

Das eigene Netzwerk nutzen

Zunächst gilt es, Menschen zu finden, die bereits den Job machen, den du anstrebst und auch bereit sind, dir Informationen zu geben. Wenn du ein gutes und gepflegtes Netzwerk hast, dann frag dort nach ob sich darin jemand befindet, der deinen angestrebten Beruf bereits ausführt. Eigentlich ist da immer jemand, der jemanden kennt, der jemanden kennt. Über Xing und LinkedIn lassen sich auch leicht entsprechende Personen finden und kontaktieren, falls du keine in deinem Bekanntenkreis hast.

Vorbereitung ist die halbe Miete

Hast du dann jemanden gefunden, der bereit ist, dir deine Fragen zu beantworten, dann solltest du dich auf jeden Fall gut auf das Gespräch vorbereiten, denn da schenkt dir jemand etwas von seiner kostbaren Zeit, die du dementsprechend auch gut nutzen solltest. 

Folgende Fragen könntest du stellen:

  • Was gefällt Ihnen besonders gut an Ihrem Job?
  • Welche typischen Herausforderungen und Probleme erleben Sie in ihrem Beruf?
  • Welche Fähigkeiten benötigt man, um diese Herausforderungen zu bewältigen?
  • Welche Facetten Ihres Berufs empfinden Sie als schwierig?
  • Wie sind Sie damals zu Ihrem Job gekommen?
  • Welche Tipps würden Sie einem Quereinsteiger geben?
  • Ggf. Frage nach einem Tipp für einen weiteren Gesprächspartner, dessen Hintergrund etwas anders gelagert ist.

In diesen ersten beiden Phasen der Recherche und des Interviews ist die Gefahr der selektiven Wahrnehmung sehr hoch, daher mein ganz eindringlicher Tipp: 

Frage nicht nur nach den positiven Seiten, sondern insbesondere nach den schwierigen und weniger schönen Seiten.

Das erfordert ein wenig Disziplin, denn schließlich befindet man sich gerade dabei den eigenen Traumjob zu erkunden und da will man von Schwierigkeit nichts hören. Aber das ist wie beim Verliebt sein: Irgendwann ist die Euphorie vorbei und dann muss der Job immer noch passen.

Im nächsten Artikel gehe ich näher darauf ein, warum du vor einem beruflichen Neustart deinen Traumberuf erst einmal in der Praxis testen solltest. Dazu führe ich ein Interview mit Alexander Schuster. Er ist Gründer von JobTry und unterstützt Menschen dabei, eine passende Praktikumsstelle zu finden. Er übernimmt dabei sämtliche Aufgaben, die im Zusammenhang mit der Suche nach passenden Unternehmen stehen. Denn wenn deine persönliche Zukunftsvision den Praxistest in einem Praktikum besteht und du dir sicher bist, dass der angestrebte Beruf der richtige ist, dann kannst du entspannt die weiteren Schritte in deine neue berufliche Zukunft planen.

Silke Grotegut war 14 Jahre als HR-Expertin in einem DAX-Konzern tätig. Heute arbeitet sie als Karriere-, Bewerbungs- und Laufbahncoach und begleitet Professionals bei ihrer beruflichen Neuorientierung.

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