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Ich bin doch nur Mittelmaß!

Warum das eigene Selbstwertgefühl in Bewerbungsphasen so wichtig ist

In der vergangenen Woche hatte ich ein Coaching mit einer Klientin, die von starken Selbstzweifeln geplagt wird. „Was kann ich schon Besonderes? Meine Fähigkeiten haben alle anderen auch. Schlimmer noch: die anderen können das auch noch viel besser als ich.

„Ich bin doch nur Mittelmaß“ oder „Ich bin nicht gut genug für die Stelle.“ Solche oder ähnliche Sätze höre ich ganz oft im Coaching. Das Selbstwertgefühl der liegt am Boden. Gerne vergleichen sie sich immer wieder mit anderen Menschen und enden in dem Gefühl, dass sie den Vergleich nicht bestehen. Die anderen sind kreativer, ausdauernder, intelligenter, schneller, belastbarer, usw. Ist diese Spirale erst einmal in Gang gesetzt,entwickelt sich leicht eine Eigendynamik. Täglich finden sich neue Belege dafür, dass man selbst nichts taugt.

Ich bin nicht gut genug!

So erging es auch meiner Klientin. Ihr ganzer Blick war darauf fokussiert, was sie alles nicht beherrscht. Ihr Selbstwertgefühl war auf dem Tiefpunkt. Egal, ob wir über ihre beruflichen Erfolge, ihre Fähigkeiten oder ihre Stärken gesprochen haben, die sie zweifelsohne hatte – nirgends stellte sich bei ihr ein Gefühl von Zufriedenheit oder gar ein Gefühl von Stolz ein. In diesem Gefühl, nicht zu genügen, harrt sie schon seit Jahren in einer Stelle aus, die sie hasst. Sie ist überzeugt, dass sie sowieso keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hat. Magenschmerzen, Kopfschmerzen und Erschöpfung sind bei ihr mittlerweile zur Normalität geworden. Morgens sitzt sie manchmal im Auto und weint, weil ihr ganzer Körper dagegen rebelliert, zur Arbeit zu fahren. Aber jeden Tag aufs Neue rafft sie sich auf. Ihren Job empfindet sie als Mühle und erschöpft sich jeden Tag ein bisschen mehr. Ein unseliges Prinzip.

Aber wir wie kommt es eigentlich dazu, dass so viele Menschen das Gefühl haben, wenn überhaupt, dann nur mittelmäßig zu sein?

Ich erlebe im Coaching im Wesentlichen drei Ursachen. Die erste ist, dass die Klienten eine Erwartungshaltung sich selbst gegenüber haben, die schier unerreichbar ist und an der sie kontinuierlich scheitern.

1. Überzogene Erwartungshaltung sich selbst gegenüber

„Ich rette noch nicht einmal die Welt“… Die Welt zu retten ist offensichtlich ein grandioser Anspruch und trotzdem immer wieder gerne genommen. Aber auch in kleineren Maßstäben gibt es genügend Potential, sich selbst schlecht dastehen zu lassen. Allzu gerne richten wir unseren Fokus auf unsere vermeintlichen Defizite und vergessen darüber, was wir alles geleistet und erreicht haben. Wenn wir etwas geschafft haben, empfinden wir es als selbstverständlich. Statt uns daran zu freuen haben wir gleich das nächste To Do im Blick.

2. Die Vorstellung: Nur wer viel leistet ist viel wert

Das ist der Schluss, den viele daraus ziehen. Dabei ist der SELBSTWERT vollkommen unabhängig davon, was wir leisten. Der Selbstwert besteht aus sich selbst heraus und ist losgelöst von unserer Performance. Über unsere Leistung können und sollten wir diskutieren, aber unser Selbstwert ist nicht verhandelbar und hängt nicht davon ab, was wir leisten. In unserer Leistungsgesellschaft, in der wir ständig beobachtet und nach unserer Leistung beurteilt werden, ist das jedoch gar nicht so einfach. Es passiert allzu leicht, dass sich ein Gefühl einschleicht, dass wir nichts oder zumindest weniger wert sind, wenn wir mal keine so gute Leistung abgeliefert haben. Das SELBSTWERTGEFÜHL kann daher abweichen von unserem Selbstwert.

3. Die Einstellung: Mittelmaß ist keine Option

Überall wird uns suggeriert “du kannst alles werden, wenn du es dir nur wirklich vornimmst”. Dafür musst du einzigartig und außergewöhnlich sein, sonst bist du uninteressant. Mittelmaß will keiner sein.

Bei meiner Klientin hatte sich über die Jahre quasi unbemerkt eine diffuse Erwartung eingeschlichen, in allen Bereichen Weltklasse Niveau zu sein. Das kann natürlich niemand leisten. Dieser Anspruch hat sie viele Jahre nicht bewusst wahrgenommen, wurde aber davon unbewusst ständig angetrieben.

Meine eigene mittelmäßige Geschichte

Damit ich hier nicht so als 9-mal klug daherkomme, oute ich mich gleich mal. Ich war ein Weltmeister darin, mich mit anderen zu vergleichen. Als ich noch bei der Telekom war, waren meine Idole Unternehmensberater, die einen Haufen Geld verdienten und die Weisheit anscheinend mit Löffeln gefressen hatten. Diese smarten Anzugträger hatten es für mich geschafft. Intelligent, erfolgreich und offensichtlich frei von körperlichen Bedürfnissen wie Schlaf. Nicht zu vergessen René Obermann (ehem. CEO der Deutsche. Telekom). Im Vergleich zu René Obermann schnitt ich auch sehr schlecht ab. Und die Liste meiner unerreichten Vorbilder könnte ich noch unendlich weiterführen.

Willst du unglücklich sein, vergleiche dich mit anderen.

Mein Mann hat sich immer lustig über mich und meine Verehrung von Prof. X und Dr. Y gemacht. Für mich verkörperten diese Menschen das, was ich erreichen wollte und damit verbunden war natürlich auch ein hoher Frust. Ich habe mich ständig mit dem konfrontiert, was ich noch nicht erreicht hatte. Meinem Selbstwertgefühl hat das nicht gut getan. Und wenn ich etwas erreicht hatte, dann habe ich meine Latte einfach eine höher gelegt. „Wenn ich zwei Studienabschlüsse habe, dann habe ich es geschafft“. Kaum hatte ich den zweiten in der Tasche, hatte ich das Gefühl, „nur wenn ich einen Doktortitel habe, bin ich etwas wert“. Es hörte nie auf. Das Ende vom Lied war, dass ich mich IMMER unzureichend empfunden habe. Mit 35 hatte ich dann meinen ersten Burnout.

Mittelmaß ist ein menschengerechtes Maß

Fakt ist: Statistisch gesehen sind 95 % der Bevölkerung mittelmäßig was einzelne Begabungen anbelangt. Ist das nicht beruhigend?

Irgendwann hatte ich es begriffen: es macht keinen Sinn, mich mit anderen zu vergleichen. Und egal, ob ich eine Aufgabe gut oder schlecht erledige, als Mensch bin ich immer gleich viel wert. Meinem Anspruch an eine professionelle Arbeit tut das überhaupt keinen Abbruch. Ich kann heute nur entspannter damit umgehen, wenn etwas mal nicht so toll läuft. Meine Erlaubnis an mich selbst, durchschnittlich und mittelmäßig sein zu dürfen, hat mir unglaublich viel Freiraum gegeben und hat Druck aus meinem Leben genommen. Meine Freude an der Arbeit hat zugenommen und ich habe mich entspannt weiterentwickeln können.

Ein toller Nebeneffekt ist, dass ich mich vielen Menschen heute verbundener fühle, weil ich heute auf das Verbindende schaue und nicht auf das, was uns unterscheidet. Ich kann mich heute daran freuen, dass jemand etwas viel besser kann als ich, ohne dass ich mich dafür abwerte. Prominenten Menschen auf Augenhöhe zu begegnen fällt mir heute nicht mehr schwer. Ich bin ja genau so viel wert wie sie, auch wenn sie irgendetwas ganz besonders gut können.

Wir sind alle absolut mittelmäßig UND absolut besonderes.

Das schöne ist: obwohl wir alle mittelmäßig und durchschnittlich sind, sind wir auch etwas ganz Besonderes. Niemand außer dir hat genau deine Erfahrungen, genau deinen Humor, genau deine Qualifikation gepaart mit deiner Persönlichkeit. Dich gibt es nur ein einziges Mal auf dieser Welt.

Notfallkoffer für das Selbstwertgefühl:

Hier ein paar Tipps, für den Fall, dass dein Selbstwertgefühl fehlt:

  • Trenne deine Person von deiner Performance. Deine Performance ist verhandelbar, dein Selbstwert ist es nicht. Du bist ok so wie du bist und darfst dich weiterentwickeln. Vielleicht ist dir selbst einfach noch nicht klar, was du zu bieten hast.
  • Dein Selbstwert ist etwas anderes, als dein Selbstwertgefühl. Dein Gefühl, was du wert bist kann Schwankungen unterliegen. An einem Tag fühlst du dich gut und liebeswert, an anderen ist es mit deinem Selbstwertgefühl nicht so gut bestellt. ABER du bist immer noch der gleiche Mensch mit dem gleichen unantastbaren Wert – unabhängig davon, ob du das gerade selbst so wahrnimmst oder nicht.
  • Vergleiche dich nicht mit anderen! Wir sehen von den meisten anderen Menschen nur die Außenbühne. Wie es in ihnen aussieht, welche Sorgen, Nöte, Ängste sie haben, wofür sie sich schämen und was hinter den Kulissen nicht gut läuft, sehen wir gar nicht. Frag dich mal ehrlich: Vergleichst du deine Hinterbühne mit der Außenbühne deiner persönlichen Idole?
  • Gib dir die Erlaubnis durchschnittlich zu sein! Schau auf das, was dich mit anderen Menschen verbindet, nicht auf das was dich davon unterschiedet. Wir sind alle Menschen, wir müssen alle sterben, wir sehnen uns alle nach Nähe und Anerkennung. Spür mal in dich hinein, wieviel Druck das von dir wegnimmt.
  • Entspann dich und versuche nicht krampfhaft an deinem Selbstwertgefühl zu arbeiten. Das wäre eine zusätzliche Aufgabe, die du dir selbst aufbürdest. Let it flow! Dein Selbstwertgefühl wird sich von alleine weiter entwickeln. Du kannst jeden Tag neu entscheiden, wie du über dich selbst denkst.
  • Wenn du noch nicht so geübt darin bist, den Blick auf das Positive zu lenken, kann es hilfreich sein aufzuschreiben:
    • Was war gut an diesem Tag.
    • Was habe ich heute alles gemacht?
    • Was lief gut?
    • Was habe ich heute oder in dieser Woche erreicht?

Dabei geht es NICHT um nobelpreisverdächtige Leistungen und Ergebnisse, sondern um ganz normale Dinge, wie z.B. “ich habe mein erstes Angebot erstellt, ich habe mit einem schwierigen Kunden telefoniert, ich habe mir diese Woche an zwei Tagen jeweils eine Stunde Zeit nur für mich genommen”.

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Silke Grotegut war 14 Jahre als HR-Expertin in einem DAX-Konzern tätig. Heute arbeitet sie als Karriere-, Bewerbungs- und Laufbahncoach und begleitet Professionals bei ihrer beruflichen Neuorientierung.

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