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Bewerbung im Burnout – macht das Sinn?

Aktualisiert am

Du bist auf meiner Website, weil du darüber nachdenkst dich auf eine neue Stelle zu bewerben? Gehörst du zu den Menschen, die im aktuellen Job nicht nur sehr unzufrieden sind, sondern unter massivem Stress leiden? Hast du das Gefühl einen Burnout zu haben und jetzt dringend eine Bewerbung schreiben zu müssen, weil du fürchtest, dass es nicht mehr besser wird an deinem aktuellen Arbeitsplatz? Hast du die Hoffnung, dass in einem neuen Unternehmen alles besser wird und du den Stress dann wieder in den Griff bekommst?

In diesem Artikel geht es um die Fragen:

Ist eine neue Stelle der einzige Ausweg aus deinem stressigen Job? Und macht es wirklich Sinn, dich jetzt zu bewerben?

Zu diesem Thema habe ich ein Interview mit meiner Kollegin Sandra Liane Braun geführt. Sandra ist Gedankensortiererin für Menschen, die sagen „Ich kann nicht mehr!“. Sie ist Coach für Stressreduktion und Burnout-Prävention, die im Jahr 2002 als leitende Führungskraft selbst ein Burnout erlebt und diesen gemeistert hat.

Silke:

Sandra, häufig melden sich Menschen bei mir zu einem Karrierecoaching, die sehr erschöpft sind. Ihr einziger Ausweg scheint eine neue Stelle zu sein. Im Grunde genommen, sind sie jedoch auch zu erschöpft dafür, eine Bewerbung zu schreiben. Manche Kunden erkennen den Ernst ihrer Lage nicht, denn sie stehen möglicherweise kurz vor einem Burnout.

Woran erkenne ich denn eigentlich ein Burnout?

Sandra:

Das ist die Frage Silke, die mir am häufigsten gestellt wird. Sie ist leider auch nicht pauschal zu beantworten. Es kommen sehr viele Faktoren zusammen und bei jedem Menschen treten sie unterschiedlich gemeinsam auf. Ich versuche es mal zu komprimieren:

Es gibt hunderte von Symptomen. Beispielsweise Beschwerden, wie Kopfschmerzen, Verspannungsschmerzen, Bauchschmerzen, Knochenschmerzen, Rückenschmerzen, undefinierbare Schmerzen. Hinzu kommt Schlaflosigkeit, vielleicht Übelkeit, Bluthochdruck, Herzrasen. Manche Menschen haben keinen Appetit mehr und verlieren Gewicht, andere essen immer mehr und nehmen an Gewicht zu.

Hinzu kommen psychische Anzeichen wie Gereiztheit, Konzentrationsschwäche oder Gedanken wie:

  • „Ich kann nicht mehr!“
  • „Ich will nicht mehr!“
  • „Wie soll ich das alles bloß schaffen?“
  • „Ich muss stark bleiben, auch wenn ich nicht weiß, wie das funktionieren soll…“.
  • „Ich will einfach nur noch einen klaren Kopf, schlafen und Urlaub!“

Häufig sind diese Menschen dann auch nicht mehr in der Lage Entscheidungen zu treffen. Und ja – oftmals scheint der einzige Ausweg zu sein: Jetzt eine Bewerbung, kündigen, neue Stelle antreten und alles wird besser.

Silke:

Macht es überhaupt Sinn, sich zu bewerben und einen neuen Job anzunehmen, wenn ich sehr erschöpft bin?

Sandra:

Das ist eine sehr gute Frage Silke! Es kommt darauf an. Nämlich darauf, wie erschöpft dieser Mensch wirklich ist. Wenn die zuvor genannten Symptome (oder diverse andere) und Gedanken allesamt zutreffen ist es ganz wichtig, dass ein Mensch sich selbst das eingesteht. Dass er oder sie mal wirklich in sich hinein hört. Ehrlich zu sich selbst ist. Wer für alle Symptome irgendwelche (an den Haaren herbei gezogene) Gründe findet und für alle Antworten tausend „aber“ findet, ist auf dem besten Weg in die Burnout-Falle zu laufen. Wenn du ein Mensch bist, der immer glaubt stark sein zu müssen, wenn du ein sehr hohes Verantwortungsgefühl und Pflichtbewusstsein hast, dann darf es einfach nicht sein, dass du dir selbst (geschweige denn gegenüber anderen) diese vermeidliche Schwäche „Ich kann nicht mehr!“ eingestehst.

An einem solchen Punkt, macht eine Bewerbung keinen Sinn.

Silke:

Weshalb macht eine Bewerbung keinen Sinn, wenn ich sehr erschöpft bin?

Sandra:

So wie es dir dann geht, ist dein Selbstwertgefühl vermutlich ganz schön im Keller. Du fragst dich vielleicht sogar „wozu bin ich überhaupt gut, wenn ich diesen Job schon nicht mehr schaffe?“. Du empfindest dich als schwach, schlimmstenfalls sogar wertlos. Das ist eine denkbar schlechte Ausgangslage um in einer Bewerbung oder in einem Vorstellungsgespräch von deinen Kompetenzen, deinen Stärken und deinem Mehrwert für diese Stelle zu überzeugen.

Eine Bewerbung schreiben empfindest du als einen fast nicht überwindbaren Berg. Du weißt gar nicht, womit du überhaupt anfangen sollst.

Wenn es dir so geht, dann bedenke auch, wie anstrengend es ist eine neue Stelle anzutreten. Auf dich warten eine neue Umgebung, neue Vorgesetzte und neue Kollegen. Du musst dich mit den Menschen und mit deinen neuen Aufgaben vertraut machen. Das ist anstrengend. So wie du tickst, möchtest du schnellstmöglich alles verstehen, umsetzen und ins Tun kommen. Nicht immer ist dein Vorgänger noch da um dich wochenlang einzuarbeiten. Häufig wirst du ins Kalte Wasser geworfen und musst schwimmen.

Achtung – ich möchte dir keineswegs eine Bewerbung oder eine neue Stelle schlecht reden, die sich für dich gerade als einziger Ausweg anfühlt. Nein. Es geht mir darum, dass du ehrlich in dich hinein spürst und dir ehrlich die Frage beantwortest: Schaffe ich das jetzt gerade?

Silke:

Sandra, was rätst du Menschen stattdessen? Was sollen Diejenigen denn tun, die sich schon dermaßen erschöpft fühlen und keinen anderen Ausweg für sich sehen?

Was ist die Alternative zur Bewerbung wenn ich nicht mehr kann?

Sandra:

Diesen Menschen rate ich genau das, was sie in ihrer Situation am wenigsten hören möchten: Nimm dir eine Auszeit! Ich blicke regelmäßig in weit aufgerissene Augen, die Bände sprechen: „Das geht nicht!“ oder „Das kann ich nicht machen!“ oder „Das bin nicht ich!“ – das sind die Sätze die ich dann höre (ich weiß mittlerweile schon vorher, dass diese Antworten kommen… im Übrigen: Ich gehörte ja selbst mal dazu). Ich würdige diese Argumente, denn ich kann mich sehr gut in diese Menschen hineinversetzen. Ich erzähle einfach ein wenig weiter, ohne zu beratschlagen und ohne überzeugen zu wollen. Diejenigen, die wirklich schon ganz tief unten sind, beginnen dann nach ein oder zwei Minuten zu weinen. Endlich öffnen sich die Schleusen, die über Monate verschlossen waren. Endlich spricht jemand anderes aus, was ich mir selbst nicht eingestanden habe.

Wie finde ich heraus, wie ernst meine Erschöpfung ist?

Silke:

Woran mache ich fest, ob ein Wochenende beziehungsweise ein Urlaub ausreicht, oder ob ich ein ernsthaftes Problem habe, was sich nicht mehr durch ein paar ruhige Tage lösen lässt.

Sandra:

Für einen ersten Eindruck gibt es eine Reihe von Tests, zum Beispiel der kostenfreie Burnout-Stress-Test (BST) oder das Hamburger Burnout Inventory. Der kostet zwar etwas, aber ich bekomme zusätzlich umfangreiche Tipps zum Umgang, mit der Situation.

Ich selbst habe auch ein e-Book entwickelt, welches ich auf meiner Internetseite zum Download bereitstelle. Mit den darin enthaltenen Fragen kannst du klären, wie kurz du vor einem Burnout stehst.

Silke:

Zurück zur Auszeit, was meinst du genau mit „Auszeit“?

Sandra:

Es kommt darauf an. Für die Einen ist eine Auszeit ein Urlaub, für die Anderen bedeutet die Auszeit zum Hausarzt gehen, erzählen wie es dir seit Monaten geht und der schreibt dich dann von ganz allein arbeitsunfähig!

Wir beide Silke, haben ja ein ganz gutes Gespür dafür, wo ein Mensch gerade steht, wenn er uns erzählt, weshalb er zu uns kommt. Du merkst bestimmt ganz schnell, was die Motivation für seine berufliche Umorientierung ist. Bei meinen Kunden, die sich ja schon wegen dem Thema „Stress“ an mich wenden, spüre ich auch ganz schnell, wie „schlimm“ es wirklich ist.

Berechtigter Weise fragen mich die Menschen dann auch: Und wie soll ich diese Auszeit – egal ob Urlaub oder „Krankenschein“ – dann nutzen? Und das ist eine sehr wichtige Frage!

Ich rate den Menschen dann:

Eine Auszeit hilft, Klarheit über nächste Schritte zu bekommen

Nutze diese Zeit dafür, dir darüber klar zu werden, was deine nächsten Schritte sind.

Hier mal zwei Szenarien:

Du nimmst dir drei Wochen Urlaub

  • Nutze die Zeit für Erholung und für Klarheit.
  • Stelle dir die Frage: Was will ich beruflich wirklich?
  • Lege den Fokus in diesem Urlaub auf dein Ziel.
  • Vergiss dabei die Erholung nicht. Treffe dich mit Freunden und mache schöne Dinge, damit du nicht total verbissen an diesem Thema arbeitest. Es darf sich leicht anfühlen.
  • Wenn du dich tagelang im Kreis drehst, dann denke darüber nach, dich von einem Coach unterstützen zu lassen. Deine Situation ist ein typisches Coaching-Thema, bzw. einer der häufigsten Gründe, weshalb Menschen einen Coach aufsuchen.

Ich denke Silke, hier kannst du sicher auch gute Tipps geben!

Silke:

Ja. Ich bespreche mit meinen Klienten immer folgende Fragen:

  • Was soll Bestand haben?
  • Was ist dir für die Zukunft wichtig?
  • Was möchtest du verändern?
  • Wovon möchtest du dich verabschieden?

Ich rate den Klienten in der Regel davon ab, sich direkt bei Jobbörsen anzumelden und sofort mit den Bewerbungen anzufangen. Das schafft nur mehr Unruhe, bevor überhaupt klar ist, was das Ziel ist und was jetzt eigentlich dran ist.

Du bist arbeitsunfähig geschrieben

Je nach Arzt schreibt er erst mal nur eine Woche auf und weist darauf hin, dass er weiter verlängern wird. Andere Ärzte schreiben dich direkt drei Wochen arbeitsunfähig. Das kommt auf den Arzt an, nicht darauf wie ernst er dich nimmt.

  • Nutze die Zeit zum Runterkommen, zum Ausruhen.
  • Du hast deinem Arzt berichtet wie es dir geht. Ihr wart in einem Dialog. Möglicherweise hast du eine neue Sicht auf deine Situation bekommen.
  • Frage dich in Ruhe und mit aller Ehrlichkeit dir selbst gegenüber: Schaffe ich es jetzt gerade, zu diesem Zeitpunkt, eine gute Bewerbung zu schreiben und einen Bewerbungsprozess zu durchlaufen? Das allein ist die Frage. Bitte beantworte dir diese Frage nach deinem Bauchgefühl, nach deiner Intuition. Wenn dir Gedanken aufkommen wie „ich muss Geld verdienen“, „ich kann es mir nicht leisten krank zu sein“, „ich brauche den Job“ usw., dann haben die zwar ihre Berechtigung, du wirst aber nicht ehrlich zu dir sein. Soviel kann ich dir versprechen: In unserem System wirst du aufgefangen. Ich selbst habe das zweimal in meiner beruflichen Laufbahn erfolgreich durchlaufen und bin bis heute sehr dankbar dafür. Ich konnte meinen Hauskredit immer tilgen, ich hatte immer Essen auf dem Tisch und ich bin nicht auf der Straße gelandet. Nein, mein Mann konnte das nicht alles auffangen. Und ich behaupte nicht, dass es leicht war. Und doch geht es. Immer.

Du stehst an erster Stelle

  • Kümmere dich erst mal um dich.
  • Sortiere dich. Sortiere deine Gedanken. Komm zur Ruhe.
  • Erlaube dir: Ich darf eine Pause machen!
  • Wenn du bereits unter Angst- und Panikattacken leidest oder dich in einer depressiven Stimmung befindest, suche dir therapeutische Hilfe. Die Wartezeiten für einen Termin bei Psychotherapeuten sind lang. Erste Hilfe bieten sogenannte „Psychosoziale Dienste“ von gemeinnützigen Institutionen (zum Beispiel Caritas, AWO, Diakonie und andere). Sie helfen mit ersten Gesprächen und erläutern dir, welche Mittel und Wege dir zur Verfügung stehen.
  • Wenn du merkst, dass du nicht in ein noch tieferes Loch fallen willst und du dir im Klaren darüber bist: Ich will „Raus aus dem Hamsterrad“, „raus aus dem Gedankenkarussell“, „so kann es nicht weitergehen“ – aber wie? Dann kann dir auch hier ein Coach helfen. Es gibt viele Coaches, die sich auf das Thema „Stressreduktion“ spezialisiert haben. In meinem „Ich kann nicht mehr Coaching-Programm“ begleite ich Menschen „Raus aus dem Stress, rein ins Leben“. Wichtig ist: Schau dich um. Die Chemie zwischen dir und einem Coach muss unbedingt passen. Wenn du ein seltsames Bauchgefühl bei einer Person hast (auch bei mir), dann ist diese Person nicht die Richtige für dich. Vertraue auch da deiner Intuition.

Silke:

Ja Sandra, das deckt sich auch mit meinen Erfahrungen. Wenn ich den Eindruck habe, dass ein Klient gesundheitlich völlig am Ende ist, dann ist es mir wichtig, dass er oder sie sich erst mal um sich und seine Gesundheit und seine innere Stabilität kümmert. Erst danach kann es um die Bewerbung gehen.

Mir ist wichtig Sandra, dass wir den Lesern dieses Artikels Mut machen! Mut machen, dass eine Auszeit zwischen zwei Jobs gut und nützlich ist. Es hat nichts mit Faulheit zu tun. Und auch die Lücke im Lebenslauf ist heute überhaupt keine Schande mehr! Wenn du  in einem Vorstellungsgespräch glaubhaft vermittelst, dass ich dir die Auszeit bewusst genommen hast, um Klarheit für dich zu gewinnen, wird dir kein  Personaler ein Strick daraus drehen. Er oder sie sieht: Dieser Person ist es Ernst, sie weiß was sie will.

Sandra, was ist für dich die Quintessenz aus unserem Gespräch?

Sandra:

Prüfe genau, ob es Sinn macht, JETZT eine Bewerbung zu schreiben, einen Bewerbungsprozess mit Absagen zu durchlaufen und gegebenenfalls eine neue Stelle anzutreten! Das ist ein anstrengender Prozess.

Silke:

Ja, das sehe ich ganz genauso. Vielen Dank Sandra für die tollen Tipps!

Sandra:

Vielen Dank, dass ich Teil deines Blogs sein darf.

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Foto: Anette Hammer, Freistil-Fotografie

Silke Grotegut war 14 Jahre als HR-Expertin in einem DAX-Konzern tätig. Heute arbeitet sie als Karriere-, Bewerbungs- und Laufbahncoach und begleitet Professionals bei ihrer beruflichen Neuorientierung.

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