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Berufungs-Bullshit: Warum es nicht hilfreich ist, nach der Berufung zu suchen

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„Wenn ich erst einmal meine Berufung gefunden habe, dann bin ich glücklich. Dann ist Arbeit nur noch Spaß, dann ist alles leicht, es ist quasi ein Selbstläufer“. Solche oder ähnliche Aussagen höre ich häufig im Karrierecoaching. Aber ist das wirklich so?

  • Was ist, wenn du aus irgendeinem Grund deine Berufung in diesem Leben nicht findest oder erst mit 64 Jahren?
  • Was ist, wenn du deiner Berufung nicht mehr nachgehen kannst, zum Beispiel aufgrund von Krankheit oder Marktveränderungen?
  • Gibt es nur eine Berufung oder kann es im Laufe des Lebens auch weitere geben? Muss die Berufung unbedingt im Job ausgelebt werden oder kann es auch in der Freizeit sein?
  • Was machen Menschen, die ihre Berufung nicht finden? Sind sie dazu verdonnert, bis ans Ende ihrer Tage unglücklich zu sein?

Auf diese Fragen will ich aus meiner Erfahrung als Personalerin und Karrierecoach Antworten geben und erklären, warum ich es für falsch halte, nach der Berufung zu suchen.

6 Gründe, warum ich nicht an die Berufung glaube

Der Wunsch nach einer Berufung, einer Lebensaufgabe, ist ein legitimes Anliegen. Natürlich solltest du einen Beruf finden, der dir Spaß macht und zu deinen Fähigkeiten, Interessen und Werten passt. Genau darum geht es ja auch im Karrierecoaching. Aber das Thema hat viele Facetten. Lass dich nicht verrückt machen von der Vorstellung, dass du nur hart genug suchen musst, um die eine Berufung zu finden. Denn:

1. Es gibt im Leben nicht nur eine Berufung

Das Leben ändert sich. Über die verschiedenen Lebensphasen hinweg ändern sich die eigenen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Werte. Daher können sich auch die Berufswünsche über das Leben ändern – und das ist auch ok. Die Vorstellung, die einzig wahre Berufung zu finden, engt aus meiner Sicht viel zu stark ein. Ich selbst bin das beste Beispiel: Früher war ich mit Leib und Seele Führungskräfteentwicklerin. Ich war ganz sicher, dass ich den Job bis zur Rente mache. Es war meine Berufung. Da war ich mir sicher. Aber meine Bedürfnisse an Arbeit, an Führung, an Autonomie haben sich über mein Berufsleben so stark verändert, dass ich heute selbständige Karriereberaterin bin. Genauso wenig, wie ich daran glaube, dass es auf der Welt nur einen einzigen Menschen gibt, mit dem man glücklich sein kann, gibt es den einen Beruf oder Job, der einen Menschen glücklich macht.

2. Die Jobwelt ändert sich rasant

Es gibt heute Berufsbilder, von denen vor zwei Jahren noch niemand gesprochen hat. Umgekehrt verschwinden Berufe, die vor zehn Jahren als absolut sicher und krisenfest galten. „Kind, geh zur Bank, da hast du was Sicheres“ hieß es damals. Dass die Jobs bei Banken nicht sicher sind, wissen wir seit der Bankenkrise und es werden durch die Digitalisierung auch stetig weniger. Heute gibt es Jobs, da muss man erst einmal googeln, um herauszufinden, was das eigentlich ist. Oder hast du schon mal etwas von einem AR Journey Builder oder einem Aquaponik-Fischfarmer gehört? Zwei bis drei Karrieren im Laufe eines Berufslebens sind heute ganz normal. Die Vorstellung, dass es nur die eine Berufung gibt, nimmt dir die Flexibilität, neue Karrierechancen zu sehen und zu ergreifen.

3. Die Berufung überfrachtet die Bedeutung des Berufes

„Wenn du deine Berufung gefunden hast, dann bist du freitags traurig, dass das Wochenende kommt. Sonntags findest du nicht in den Schlaf, weil du dich so sehr auf den Montag freust. Jeden Morgen springst du voller Energie aus dem Bett.“ So ähnlich habe ich es kürzlich auf der Internetseite eines Berufungscoaches gelesen. Solch eine Erwartungshaltung an einen Beruf, an einen Job halte ich für vollkommen überzogen und unrealistisch. Wann bitteschön soll denn dieser Zustand erreicht sein? So hohe Ansprüche stellt man doch noch nicht einmal an seinen Partner. Einer Erwartungshaltung dieser Art kann kein Job der Welt standhalten und wer mit dieser Hoffnung an die Jobsuche geht oder einen Job annimmt, läuft Gefahr, bitter enttäuscht zu werden.

4. Die ewige Jagd nach dem Ideal

Perfektion ist eine Illusion. Nichts ist perfekt. Ich habe im Laufe meiner Coaching-Karriere viele Menschen kennengelernt, die schon verschiedene Berufsbilder ausprobiert haben; aber keines davon konnte ihren hohen Erwartungen gerecht werden. Damit ist die Gefahr verbunden, ständig weiter einem Ideal nachzujagen, das nie erreicht werden kann – immer angetrieben von der Vorstellung: „Ich habe meine Berufung noch nicht gefunden und ich muss noch härter danach suchen“. Unerreichbaren Idealen hinterherzujagen ist aus meiner Sicht vertane Lebenszeit.

5. Warten auf die Berufung ist gelebte Passivität

Berufliche Erfüllung hat für mich mehr mit Entscheidung und aktiver Gestaltung zu tun als mit einer Eingabe, plötzlicher Erkenntnis oder lang andauernder Suche. Auf dem Arbeitsmarkt gibt es viele spannende Optionen, die sich täglich neu auftun. Darauf zu warten, dass ich endlich herausfinde, was meine Berufung ist, ist gelebte Passivität: ‚Im Wartesaal des Lebens sitzen‘ nenne ich das. Bei dem Konzept der Berufung fehlen mir die Autonomie und Gestaltungsfreiheit des Einzelnen.

6. Die Berufungsfalle

Wenn sich das eigene Hobby oder ein aktuelles Lebensthema in einen Berufswunsch verwandelt, dann solltest du genauer hinschauen. Mit Ende 30, Mitte 40 tritt häufig der Wusch auf, beruflich noch mal etwas ganz anderes zu machen. Was liegt da näher, als das Hobby zum Beruf zu machen. Aber hier ist Vorsicht geboten! Ob dein Hobby auch beruflich trägt, solltest du gut überprüfen. Die entspannende Funktion des Hobbys entfällt oftmals, sobald damit der Lebensunterhalt verdient werden muss. Daher können sich solche vermeintlichen Berufungen leicht als Fallen entpuppen. Eine liebe Schulfreundin von mir hat viele Jahre gerne gemalt. Selbst als Graphikdesignerin hat sie nebenbei immer noch viel gemalt. Seitdem sie aber andere in Malerei unterrichtet, fehlt ihr die Lust und Energie, selbst zu malen. Das ist wirklich sehr schade, denn sie ist sehr talentiert.

Was ist die Alternative: 4 Tipps vom Karrierecoach

1. Dein Job muss nicht zwingend die Sinnquelle deines Lebens sein.

Es geht nicht darum, mit dem Beruf die Welt zu verbessern oder gar zu retten. Das sind hehre Ziele, aber aus meiner Sicht überfrachten sie die Suche nach einem passenden Job. Es geht vielmehr darum, einen Job zu finden, von dem du abends zufrieden nach Hause gehen kannst. Wichtig ist jedoch, dass du deinen Job als sinnvoll erachtest. Es ist ein Unterschied, ob ich einem sinnvollen Job nachgehe, oder ob ich den Anspruch habe, der Job müsse die Sinnquelle für mein Leben sein. Die Berufung kann auch in der Familie, im Ehrenamt oder in einem Hobby gelebt werden.

2. Druck rausnehmen.

Der größte Feind von kreativen Prozessen ist ein zu hoher Druck. Die Suche nach einem Beruf, der besser zu dir passt, ist ein hochkreativer Akt und erfordert Zeit. Wenn du dich beruflich neu orientieren möchtest, dann gib dir Raum und Zeit dafür, sodass auch neue Ideen aufsteigen können. Das fällt umso schwerer, wenn der aktuelle Job bereits als große Belastung empfunden wird. Häufig ist an die Neuorientierung dann der Wunsch gekoppelt, beruflich etwas ganz anderes machen zu wollen. Weg von der aktuellen Position, von den verhassten Aufgaben und den blöden Kollegen. Es ist häufig eher ein „weg von“, als ein „hin zu“. Damit verbunden ist dann auch, dass die Erwartungen an die Alternative ganz besonders hoch sind. Meiner Meinung nach ist eine Position dann gut, wenn sie unsere Erwartungen zu 70% oder mehr erfüllt.

3. Starte mit einer Standortanalyse.

Zu wissen, was ich nicht mehr will, ist die eine Sache. Zu definieren, was ich will, ist häufig viel schwerer. Im Karrierecoaching starte ich daher immer damit, die Ist-Situation zu analysieren. Mit den Klienten erarbeite ich dann ein differenziertes Bild davon, was ihnen für ihre Arbeitszufriedenheit wichtig ist. Bei genauerer Betrachtung entpuppen sich dann viele Jobs als gar nicht so schlecht. Häufig hilft es schon mal, Kriterien für einen guten Job/eine gute Position aufzustellen und die eigene Stelle differenziert danach zu bewerten. Denn ob ich zufrieden mit einem Job, einer Position oder einem Arbeitgeber bin, hängt von verschiedenen Dingen ab:

  • Von der Arbeit an sich (Aufgaben und Tätigkeiten),
  • von den inhaltlichen Arbeitsbedingungen (z.B. Abwechslung und Gestaltungsspielraum),
  • von den sozialen Arbeitsbedingungen (z.B. Firmenkultur, Verhältnis zum Chef),
  • von den äußeren Arbeitsbedingungen (z.B. Arbeitsweg, Arbeitszeitflexibilität, Lohn und Sozialleistungen) und
  • von den beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten (Weiterbildungsangebot der Firma, Aufstiegsmöglichkeiten).

4. Schmeiß nicht alles über Board!

Bevor du Hals über Kopf deinen Job hinschmeißt, schnauf erst einmal durch. Mit der folgenden Übung kannst du dir schon mal einen differenzierteren Überblick verschaffen, was du bewahren, was du verändern und wovon du dich trennen möchtest. Ich bin sicher, dass es viele Dinge gibt, auf die du auch in deinem nächsten Job nicht verzichten möchtest.

Prozessbild: Läuft, Stars, Ändern, Loslassen

Standortbestimmung: Was willst du beibehalten? Was willst du loslassen?

Du bist noch auf der Suche nach deinem besten Job? Ein erster Schritt zu einem erfüllenden Berufsleben kann sein, deine Anforderungen an einen Job zu klären – nutze gern die obenstehende Übung dafür. Wenn du aber unsicher bist oder auf Schwierigkeiten stößt, kann ein Blick von außen helfen. Ich helfe dir dabei, klare Entscheidungen zu treffen und die nächsten Schritte zu gehen – schreib mir einfach jetzt deine Anfrage an kontakt@silkegrotegut.de oder vereinbare direkt einen Termin für eine Berufliche Kaffeepause s.u.

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Foto: Anette Hammer, Freistil-Fotografie

Silke Grotegut war 14 Jahre als HR-Expertin in einem DAX-Konzern tätig. Heute arbeitet sie als Karriere-, Bewerbungs- und Laufbahncoach und begleitet Professionals bei ihrer beruflichen Neuorientierung.

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