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Du willst dich beruflich neuorientierten? So minimierst du das Risiko zu Scheitern

Aktualisiert am

„5 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland haben innerlich gekündigt“, das war vor kurzem in der FAZ zu lesen. Was für eine Zahl! In dem Artikel stand, sie machten nur noch Dienst nach Vorschrift. Viele trauten sich aber nicht zu kündigen und verharrten unglücklich in ihrem Job.

Aber was ist die Alternative? Die Karriere beenden und beruflich etwas ganz Neues machen? Das wollen Viele. Aber wo geht es hin? Wie wird man konkret? Was muss alles passieren? Und wie schafft man es, einen solchen Wechsel erfolgreich zu meistern?

Gründe für eine berufliche Neuorientierung

Unzufriedenheit im Job ist der Grund, weswegen die meisten meiner Klienten ins Coaching kommen. Insbesondere in der zweiten Lebenshälfte tritt bei vielen der Wunsch auf,

  • endlich etwas Sinnvolles zu machen,
  • einen Job zu haben, der besser zu den eigenen Interessen und Fähigkeiten passt
  • und für ein Unternehmen zu arbeiten, das eher den eigenen Werten entspricht.

Manche möchten auch gerne eine Komplettveränderung, nicht nur einfach den gleichen Job in einer anderen Firma oder in einer anderen Branche, sondern wirklich etwas ganz anderes machen.

„Ich habe keinen Bock mehr. Ich mache jetzt etwas ganz anderes.“

 

Kleines Lamm auf einer Wiese

Mein Traum war es immer, Bäuerin zu werden. Foto: Mustang_79 auf pexels

Wusstest du, dass ich mal in die Landwirtschaft wollte? Oh ja, auch ich kenne diesen Wunsch, mein bisheriges Berufsleben einfach hinter mir zu lassen und etwas ganz Neues zu machen. Damals, als ich nach mehr als 13 Jahren meinen gut bezahlten, sicheren Job im Konzern aufgegeben habe, wollte ich am liebsten Biobäuerin werden. Als Kind habe ich viel Zeit bei meinen Großeltern auf dem Hof verbracht. Dort habe ich Schafe mit der Flasche aufgezogen, Kälber gefüttert, bin mit dem Hund spazieren gegangen, habe die Hühner gefüttert – es war herrlich! Und so dachte ich: „Das ist doch jetzt die Chance, endlich das zu machen, was ich schon als Kind machen wollte!“

Kindheitsträume in die Tat umsetzen?

So wie mir geht es vielen Menschen. Da hast du dich entschieden, zu gehen, weil du die Schnauze voll hast. Und dann möchtest du gerne etwas ganz anderes machen. Banker wollen Heilpraktiker werden, Marketing-Fachleute möchten Yogalehrer werden. Das Neue hat einen großen Reiz. Aber eine komplette Neuausrichtung birgt auch Risiken und sollte daher gut überlegt sein.

Dass ich nicht in die Landwirtschaft gegangen bin, ist offensichtlich, denn sonst sähe diese Seite jetzt komplett anders aus. In diesem Artikel erzähle ich dir, warum ich mich letztlich dagegen entschieden habe, Biobäuerin zu werden. Und ich erkläre dir, wie ich damals überprüft habe, ob meine Zukunftsidee wirklich trägt.

Tipps für die strategische Risikominimierung

Was mache ich, wenn der neue Beruf doch nicht passt? Für mich war damals die Horrorvorstellung, dass ich viel Zeit und Geld investiere, alles auf eine Karte setze und dann feststelle: „Oh oh, das ist es doch nicht! Das habe ich mir doch alles anders vorgestellt.“ Das wollte ich unter allen Umständen vermeiden.

Um das Risiko zu minimieren, eine falsche berufliche Richtung einzuschlagen, habe ich damals Folgendes getan:

1) Die Basis: Ausführlich recherchieren

Am Anfang meiner beruflichen Neuorientierung habe ich ausführlich recherchiert: Das Internet ist eine unerschöpfliche Quelle, um Informationen über das angestrebte Berufsbild zu bekommen. Ohne großen Aufwand und von Zuhause aus habe ich innerhalb kürzester Zeit eine Unmenge an Informationen zusammengetragen:

  • Welche Ausbildungsmöglichkeiten gibt es?
  • Wie sehen die Berufschancen später aus?
  • Wie sehen mögliche Beschäftigungsverhältnisse aus?
  • Was braucht es, um einen eigenen Biohof zu führen?

2) Menschen fragen, die den Job bereits machen

Danach habe ich Interviews mit Menschen geführt, die bereits im angestrebten Job arbeiten. Ein guter Freund von uns hat mit seiner Frau viele Jahre lang einen Demeterhof geleitet. Die habe ich einen ganzen Abend lang interviewt. Auf diese Weise habe ich unglaublich viele Informationen bekommen. Sie erzählten mir, was das  Schöne an dem Leben als Biobauer ist, aber auch, was die negativen Seiten daran sind – immerhin hatten die beiden sich vor einigen Jahren entschieden, dieses Leben aufzugeben.

Sie haben mir viele Fragen gestellt, wie ich mir ein Leben als Biobauer vorstelle. Aus der einen oder anderen Vorstellung haben sie so auch die Luft herausgelassen. Aber auch nach diesem zweiten Schritt war ich immer noch der Meinung, dass es genau das ist, was ich machen will. 

3) Ein Praktikum in dem angestrebten Beruf machen

Ich wollte ein besseres Gefühl dafür bekommen, ob meine neue Berufswahl wirklich das ist, was ich zukünftig machen möchte. Dazu habe ich bei einem benachbarten Biohof angefragt, ob ich dort für 2-3 Wochen mitarbeiten könnte. Die haben sich über Unterstützung sehr gefreut.

Das war ein Hof mit angeschlossenem Bioladen, einer Gemüse- und Blumen-Gärtnerei sowie einer Landwirtschaft mit Landbau und kleiner Viehhaltung. Für Vielfältigkeit und Arbeit war also gesorgt. Gleich am ersten Tag hat es wie aus Eimern geschüttet, aber das Unkraut zwischen den Möhren musste halt gezupft werden.

Lange Rede kurzer Sinn: Bereits nach einer relativ kurzen Zeit habe ich gemerkt, dass ich immer noch unheimlich gerne auf einem Hof arbeite, aber dass ich es nicht beruflich machen möchte. Bereits nach zwei Wochen war mir klar: Das ist mir zu unterkomplex, da werde ich nicht glücklich. Wenn, dann hätte ich einen Hof leiten müssen, aber bis dahin hätte ich noch eine mindestens 3-jährige Ausbildung gebraucht und ich war damals ja schon 45 Jahre alt.

Praktische Tipps für deine Risikominimierung

Die Vorgehensweise, die ich damals gewählt habe, nutze ich heute übrigens in ähnlicher Form auch im Coaching, wenn Klienten sich mit der Frage der beruflichen Neuorientierung beschäftigen. Die Internetrecherche übernehmen die Klienten selbst, die Interviews mit Menschen, die schon da sind, wo mein Klient beruflich landen möchte, bereiten wir gemeinsam vor.

Das eigene berufliche Netzwerk nutzen

Zunächst gilt es, Menschen zu finden, die bereits den Job machen, den du anstrebst und auch bereit sind, dir Informationen zu geben. Wenn du ein gutes und gepflegtes Netzwerk hast, dann frag dort nach, ob sich darin eine geeignete Person befindet. Eigentlich ist da immer jemand, der jemanden kennt, der jemanden kennt. Über XING und LinkedIn lassen sich auch leicht entsprechende Personen finden und kontaktieren, falls du keine in deinem Bekanntenkreis hast.

Hast du dann jemanden gefunden, der bereit ist, dir deine Fragen zu beantworten, dann solltest du dich auf jeden Fall gut auf das Gespräch vorbereiten. Immerhin schenkt dir da jemand seine kostbare Zeit, die du dementsprechend auch gut nutzen solltest.

Mögliche Fragen zum beruflichen Quereinstieg

  • Was gefällt Ihnen besonders gut an Ihrem Job?
  • Welche typischen Herausforderungen und Probleme erleben Sie in ihrem Beruf?
  • Welche Fähigkeiten benötigt man, um diese Herausforderungen zu bewältigen?
  • Welche Facetten Ihres Berufs empfinden Sie als schwierig?
  • Wie sind Sie damals zu Ihrem Job gekommen?
  • Welche Tipps würden Sie einem Quereinsteiger geben?
  • Ggf. Frage nach einem Tipp für einen weiteren Gesprächspartner, dessen Hintergrund etwas anders gelagert ist.

In diesen ersten beiden Phasen der Recherche und des Interviews ist die Gefahr der selektiven Wahrnehmung sehr hoch, daher mein ganz eindringlicher Tipp:

Frage nicht nur nach den positiven Seiten, sondern insbesondere nach den schwierigen und weniger schönen Seiten.

Das erfordert ein wenig Disziplin, denn schließlich ist man sich gerade dabei, den eigenen Traumjob zu erkunden und da will man meist von Schwierigkeiten nichts hören. Aber das ist wie beim Verliebtsein: Irgendwann ist die Euphorie vorbei und dann muss der Job immer noch passen.

In diesem Interview mit Alexander Schuster findest du noch mehr Gründe, warum du vor einem beruflichen Neustart deinen Traumberuf erst einmal in der Praxis testen solltest. Alexander Schuster ist Gründer von JobTry und unterstützt Menschen dabei, eine passende Praktikumsstelle zu finden. Denn wenn deine persönliche Zukunftsvision den Praxistest in einem Praktikum besteht und du dir sicher bist, dass der angestrebte Beruf der richtige ist, dann kannst du entspannt die weiteren Schritte in deine neue berufliche Zukunft planen.

Berufliche Neuorientierung: Ja, aber wohl überlegt

Du siehst also: Es macht Sinn, seine Träume und Wünsche für sein Berufsleben gründlich zu durchdenken und zu prüfen, bevor man gravierende Schritte einleitet. Es kann immer sein, dass ein Traum in Wirklichkeit gar nicht so toll ist, wie wir am Anfang glauben. Dabei hilft dir ein erprobter Prozess wie der, den ich oben beschrieben habe.

Und wenn du am Ende immer noch sicher bist, dass der Traumjob wirklich das ist, was du willst, dann kann dich sowieso nichts mehr bremsen. Go for it!

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Wie kann man nur einen sichern Job in einem Konzern aufgeben?

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Foto: Anette Hammer, Freistil-Fotografie

Silke Grotegut war 14 Jahre als HR-Expertin in einem DAX-Konzern tätig. Heute arbeitet sie als Karriere-, Bewerbungs- und Laufbahncoach und begleitet Professionals bei ihrer beruflichen Neuorientierung.

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